Durch das Kunstprojekt “Project Synapses”, gefördert vom European Culture Fond, verschlug es mich für sechs Wochen nach Chisinau, die Hauptstadt von Moldawien, einem kleinen und jungen Land zwischen Rumänien und der Ukraine. Die angereiste Gruppe organisierte in einem stillgelegten Sowjetzirkus eine Ausstellung in Kooperation mit moldawischen, rumänischen und russischen Künstlern.
His Masters Voice ist eine voll und ganz durch physikalische Kräfte reaktive Installation. Sozusagen mein erstes rein analoges Exponat. Das Prinzip basiert auf Papierseitenbewegungen durch natürliche Luftströme und ist als solches auch schon vielfach in der Kunst angewandt worden. Aus zwei orthodoxen Bibeln wurde jede einzelne Seite fein säuberlich herausgetrennt und an einem Faden in Bodennähe innerhalb einer Übungsmanege (Durchmesser ca. 15m) des Zirkuses aufgehängt.
Im gesammten schwebten etwa 2600 Seiten wie ein Blättermeer in dieser Manege. Und so hörte es sich auch an. Selbst wenn kein Luftzug spürbar vorhanden war, regten sich überall hier und dort einzelne Blätter, die sich drehten, wehten und damit an ihre Nachbarblätter anstießen und kaum wahrnehmbare Microsounds erzeugten, sozusagen die Stimme des Herrn. Die ganze Installation war so angelegt, dass man in die Bibel hineingehen konnte (zwischen Apokalypse und Schöpfung) und egal wie vorsichtig man sich bewegte, links und rechts und durch die Reihen gaben die Blätter Laut und Zeichen.
Bei dieser Arbeit geht es mir um ein Verständnis von Grammatik und individuelle Erfahrung. Um die Erfahrung, welche in der Stille liegt und die damit einhergehnde Aufmerksamkeit aller Sinne. Der Monotheismus ist in unserem Kulturkreis sicherlich eines der stärksten Meme und die Bibel ein äußerst erfolgreiches Medium auf grammatikalischem Wege dieses Mem zu verbreiten und auch zu halten. Auch wenn nach Nietzsches “Gott ist tot” im nordeuropäischen Rezeptionskreis der christliche Glaube in eine Ära des Abstrakten eingetreten, d. h. sein Einflussbereich eher historische Entwicklungsnatur und gesellschaftlich nur noch indirekt relevant ist, bleibt der Monotheismus immer noch prägnantestes Konzept für die Art und Weise wie wir Wissenschaft, Politik und Weltbilderzeugung betreiben. Wer His Masters Voice hören möchte, muss erst still werden und dann ganz genau hinhören, durch die Lautheit der technologisierten Welt hindurch, dem Rauschen im eigenen Ohr hin zu einer Möglichkeit der inneren Stille.
Dies ist nicht als blasphemischer Akt zu verstehen – im Gegenteil.